Warum Logiken stärker sind als Zuständigkeiten
Über das Betriebssystem von Organisationen
1. Die Beobachtung
Nach formalen Übergängen oder Neuzuordnungen stellt sich häufig Ernüchterung ein:
Zuständigkeiten sind geklärt, Beschlüsse gefasst, Organigramme angepasst – und doch ändert sich im Alltag wenig.
Die Erklärung liegt selten in fehlendem Willen.
Sie liegt in stabilen Organisationslogiken, die den Alltag steuern, unabhängig davon, wer formal zuständig ist.
2. Organisationen haben ein Betriebssystem
Organisationen arbeiten nicht primär nach Satzungen oder Geschäftsordnungen, sondern nach einem Betriebssystem aus:
- eingespielten Routinen
- impliziten Rollenbildern
- informellen Macht- und Einflusslinien
- Loyalitäten und Erwartungshorizonten
- bewährten Entscheidungsabkürzungen
Dieses Betriebssystem entsteht über Zeit.
Es ist lernfähig, aber träge.
Und es ist stärker als jede formale Neuzuordnung.
3. Betriebslogik und Behördenlogik
In kommunalen Kontexten überlagern sich typischerweise zwei Logiken:
Betriebslogik
- orientiert sich am Funktionieren des Alltags
- bevorzugt pragmatische Lösungen
- nutzt informelle Abstimmung
- bewertet Erfolg über Wirksamkeit
Behördenlogik
- orientiert sich an Verfahren und Zuständigkeiten
- priorisiert Nachvollziehbarkeit und Absicherung
- arbeitet mit formalen Eskalationswegen
- bewertet Erfolg über Regelkonformität
Beide Logiken sind für sich genommen sinnvoll.
Problematisch werden sie, wenn sie unkommentiert nebeneinander wirken.
4. Warum Zuständigkeiten dann ins Leere laufen
Wenn formale Zuständigkeit auf ein bestehendes Betriebssystem trifft, ohne dieses zu verändern, passiert Folgendes:
- Entscheidungen werden formal korrekt getroffen, aber operativ nicht getragen.
- Neue Anforderungen werden als Störung erlebt, nicht als Orientierung.
- Führung erhält Mandate, aber keine Autorität.
- Verantwortung bleibt dort, wo sie historisch verankert ist.
Die Organisation folgt weiter ihrer Logik – nicht der Zuständigkeit.
5. Die Stabilität der Logiken
Logiken sind stabil, weil sie funktional sind.
Sie haben Probleme gelöst, bevor neue Strukturen existierten.
Deshalb reagieren Organisationen auf formale Eingriffe oft mit Anpassung statt Veränderung:
- Anforderungen werden integriert, ohne Routinen zu ändern.
- Begriffe werden übernommen, ohne Bedeutungen zu verschieben.
- Beschlüsse werden erfüllt, ohne Wirkung zu entfalten.
Das System bleibt sich treu.
6. Der typische Irrtum
Ein verbreiteter Irrtum lautet:
Wenn Zuständigkeiten klar sind, folgt die Organisation.
Tatsächlich gilt:
Zuständigkeiten wirken erst dann, wenn sie an das Betriebssystem der Organisation anschließen.
Ohne Anschluss entstehen:
- formale Steuerung ohne Resonanz
- operative Praxis ohne Richtung
Konflikte zwischen Anspruch und Alltag
7. Die zentrale Erkenntnis
Organisationen ändern sich nicht durch neue Zuständigkeiten, sondern durch veränderte Logiken.
Wer Organisation gestalten will, muss verstehen:
- welche Logiken aktuell wirken
- wie sie entstanden sind
- warum sie stabil sind
- und wo Anschluss möglich ist
Ohne dieses Verständnis bleiben Veränderungen formal – und folgenlos.
8. Anschluss an die Reihe
Artikel 1 zeigte, warum formale Übergänge keine Organisation erzeugen.
Artikel 2 erklärte, warum Organisationen ohne eigenes operatives Substrat besonders träge sind.
Artikel 3 macht sichtbar, wodurch diese Trägheit entsteht: durch stabile Logiken, nicht durch fehlende Zuständigkeiten.
Ausblick
Im nächsten Artikel geht es um Verantwortung und Macht:
Warum Verantwortung formal verteilt, aber faktisch gebunden bleibt – und wie Verantwortungsdiffusion entsteht