Der formale Übergang

„Alles bleibt gleich – nur das Logo ändert sich“

Was formale Übergänge leisten – und was nicht

1. Ausgangslage: Ein formell sauberer Übergang

In einem kommunalen Kontext wurde ein formaler Betriebsübergang vollzogen.
Mitarbeitende eines kommunalen Unternehmens A (übergehendes Unternehmen) wechselten geschlossen zu einem kommunalen Unternehmen B (aufnehmendes Unternehmen).

Der Übergang war rechtlich korrekt vorbereitet, beschlossen und umgesetzt.
Die Arbeitsverhältnisse gingen über, die Aufgaben wurden dem aufnehmenden Unternehmen zugeordnet.
Formell war der Vorgang abgeschlossen.

2. Die zentrale Botschaft an die Organisation

Zur Einordnung des Übergangs wurde den Mitarbeitenden sinngemäß vermittelt:

„Alles bleibt gleich – nur das Logo auf der Gehaltsabrechnung ändert sich.“

Diese Aussage beschrieb die tatsächliche Ausgangslage zutreffend:

  • Aufgaben blieben unverändert
  • Teams blieben unverändert
  • Arbeitsorte und Routinen blieben unverändert
  • Ein Teil der Mitarbeitenden arbeitete faktisch bereits zuvor
    überwiegend für das aufnehmende Unternehmen
  • Andere überwiegend für das übergehende
  • Einige wenige für beide Kontexte

Der Übergang war formal, nicht organisational.

3. Eine notwendige zeitliche Klarstellung

Die nachfolgend beschriebenen Phänomene traten teils vor, teils nach dem formalen Übergang auf.
Sie verweisen jedoch nicht auf einen Bruch durch den Übergang selbst, sondern auf eine strukturelle Kontinuität.

Der Übergang markierte einen formalen Wechsel, keinen Einschnitt in Arbeitsweisen, Rollenverständnisse oder Entscheidungslogiken.

4. Was ein formaler Übergang nicht leistet

Formale Übergänge regeln unter anderem:

  • Kontinuität der Arbeitsverhältnisse
  • Zuordnung von Aufgaben
  • rechtliche Zuständigkeiten

Sie regeln nicht:

  • Rollenverständnisse
  • Führungs- und Entscheidungslogiken
  • informelle Einflussstrukturen
  • kulturelle Muster
  • Erwartungen an Zusammenarbeit

Diese Ebenen verändern sich nicht automatisch.
Sie müssen aktiv gestaltet werden – oder sie bleiben bestehen.

5. Organisationsrealität ohne Organisationsgestaltung

Im vorliegenden Fall hatte das aufnehmende kommunale Unternehmen über längere Zeit ohne eigenes Personal operiert. Die operative Realität lag faktisch beim übergehenden Unternehmen.

Mit dem Übergang wurde diese Realität nicht neu geordnet, sondern fortgeführt.
Die Organisation arbeitete weiter in denselben Strukturen, Routinen und Logiken – nun unter einem anderen formalen Dach.

Es entstand keine neue Organisation, sondern eine fortgesetzte Organisation mit verändertem Rechtsträger.

6. Beobachtbare strukturelle Spannungen

Innerhalb dieser Kontinuität zeigten sich über einen längeren Zeitraum hinweg wiederkehrende Spannungen, unter anderem:

  • informelle Einflussstrukturen neben formalen Rollen
  • Verzögerungen bei Veränderungs- und Entwicklungsprojekten
  • unterschiedliche Erwartungen an Führung und Steuerung
  • Absicherungs- und Rückdelegationslogiken in Entscheidungsprozessen
  • Konflikte, die nicht durch den Übergang entstanden, sondern durch ihn nicht bearbeitet wurden

Diese Phänomene sind keine Folge des Übergangs,
sondern Ausdruck eines Verzichts auf begleitende Organisationsgestaltung.

7. Die zentrale Erkenntnis

Ein formaler Übergang ersetzt keine Organisationsarbeit.

Wer nach einem Übergang auf aktive Klärung von Rollen, Logiken und Entscheidungswegen verzichtet, trifft damit ebenfalls eine Entscheidung:
die Entscheidung, bestehende Strukturen unverändert weiterwirken zu lassen.

Das ist nicht zwangsläufig falsch – aber es ist nicht neutral.

8. Warum dieser Fall exemplarisch ist

Der Fall zeigt kein persönliches Scheitern.
Er zeigt die Grenzen formaler Instrumente, wenn sie nicht durch organisationale Arbeit ergänzt werden.

Organisationen verändern sich nicht durch neue Zuständigkeiten. Sie verändern sich durch geklärte Rollen, explizite Entscheidungen und bewusst gestaltete Übergänge.

Logos verändern keine Logiken.

Ausblick

Im nächsten Beitrag geht es um die Frage, warum über Jahre gewachsene Betriebs- und Behördenlogiken stabiler sind als jede formale Neuzuordnung – und was das für Führung in kommunalen Organisationen bedeutet.